Minimal-invasive Tumortherapie (MITT)

Klinik für Radiologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin

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Literatur

Gebauer B, Collettini F, Bruger C, Schaser KD, Melcher I, Tunn PU, Streitparth F. Radiofrequency ablation of osteoid osteomas: analgesia and patient satisfaction in long-term follow-up. Rofo. 2013 Oct;185(10):959-66.

Minimal-invasive Therapie von gutartigen Knochentumoren im Kindesalter - Osteoidosteom

 

Knochentumore sind Tumore, die sich im Knochen manifestieren. Diese können in bösartige (maligne) oder gutartige (benigne) Formen eingeteilt werden. Darüber hinaus wird zwischen primären, das heißt vom Knorpel- oder Knochengewebe ausgehenden, und sekundären, in der Regel Metastasen (Absiedlungen) von anderen bösartigen Tumoren, unterschieden.

 

Viele primäre Knochentumore sind, vermutlich aufgrund des Knochenwachstums, im Kindesalter besonders häufig und werden meist aufgrund von Schmerzen diagnostiziert. In der Regel erfolgt die Diagnosestellung primär anhand eines konventionellen Röntgenbildes, da das Alter des Patienten, die Lokalisation und die Darstellung im konventionellen Röntgenbild bei vielen Knochentumoren sehr typisch für bestimmte Knochentumore sind. Sollten darüber hinaus noch Unklarheiten bestehen, kann eine weitere Abklärung mittels Magnetresonanztomograhie (MRT) oder Computertomographie (CT) erfolgen.

 

Das Osteoidosteom (OO) ist ein primärer Knochentumor, der durch eine charakteristische Symptomatik (nächtliche Schmerzen), ein typisches Röntgenbild und typischerweise durch eine schnelle Schmerzbesserung nach Einnahme von nicht-steroidalen Antiphlogistika wie beispielsweise Aspirin gekennzeichnet ist. Osteoidosteome machen ca. 10 Prozent aller gutartigen Knochentumore aus. Typische Lokalisationen sind die langen Röhrenknochen der Beine und weniger häufig der Arme sowie die Wirbelsäule. Osteoidosteome sind gutartig, das heißt, sie zeigen keine Neigung Tochtergeschwülste oder Metastasen auszubilden, aber die Schmerzen sind für die zumeist jungen Patienten sehr belastend und können zu Fehlstellungen und Fehlbelastungen mit Gelenkverschleiß führen.

 

Therapieziel

 

Ziel der Therapie des Osteoidosteoms ist die Schmerzfreiheit des Patienten. In der Vergangenheit mussten diese Patienten sich oft ausgedehnten chirurgischen Resektionen (Entfernungen) unterziehen. Seit ca. 15 Jahren besteht die Möglichkeit diesen Patienten mit einer Zerstörung der Osteoidosteomzellen durch Hitze zu helfen. Diese Methode, die aktuell als die Standardtherapie des Osteoidosteom angesehen wird, nennt sich Thermoablation. Ablation (lat. ablatio) bedeutet eigentlich eine Abtragung oder Ablösung von Gewebe, wird jedoch auch bei (Tumor-) Zellinaktivierung durch radiogene, thermische, elektrische, biomechanische oder chemische Einwirkungen angewandt. Ziel der Ablation ist eine komplette Inaktivierung aller Zellen im Ablationsareal, so dass eine Narbe entsteht.

 

Minimal-invasive Thermotherapie mittels RFA oder Laser

 

Durch die Thermoablation beim Ostoidosteom werden sowohl die Prostaglandin (Schmerzstoff)-produzierenden Zellen im Zentrum (Nidus) des Osteoidosteoms als auch die Schmerzleitungsbahnen zerstört. Dies wird durch eine Erhitzung der Osteoidosteomzellen auf 60°C - 90°C erreicht. Die Hitze kann entweder durch Radiofrequenz (RFA) oder Laser (LA) in das krankhafte Gewebe eingebracht werden. Von allen thermischen Ablationsverfahren ist die RFA das am meisten verbreitete und das am besten wissenschaftlich untersuchte Verfahren. Zur RFA muss eine spezielle Sonde in das zu behandelnde Gewebe eingebracht werden. Dies erfolgt meist unter computertomographischer (CT) Kontrolle, um eine präzise Lokalisation der Sonde im Tumor zu gewährleisten. Über ein Wechselstromfeld an der Sondenspitze entsteht eine Erhitzung des Gewebes auf die Zieltemperatur.

 

Abbildung 1: Technik der Radiofrequenzablation (RFA). Durch Anlegen eines Wechselstroms kommt es bei der RFA zu Ionenbewegungen an der RF-Applikatorspitze mit Erwärmung des umliegenden Gewebes durch Friktion, hier im Beispiel im Bereich des rechten Oberschenkelknochens.

 

Bei der Laserablation (LA) wird Laserenergie über einen Lichtwellenleiter mit der Spitze im Tumor in das umgebende Gewebe eingebracht. Durch Aufnahme der Photonen („Lichtteilchen“) im Tumorgewebe kommt es zu einer Erhitzung und somit zur thermischen Ablation.

 

Die Thermoablation eines Osteoidosteoms sollte immer in Vollnarkose erfolgen, da das Anbohren und Erhitzen des Osteoidosteoms für den Patienten sehr schmerzhaft sein kann. Der Erfolg (= Schmerzfreiheit) der thermischen Ablation ist bei dem Laser- und Radiofrequenz-Verfahren etwa gleich. Eine dauerhafte Schmerzfreiheit beziehungsweise Heilung kann bei 90 Prozent der Patienten nach der ersten Ablation erreicht werden, bei den übrigen zehn Prozent bestehen Restschmerzen oder die Schmerzen treten erneut auf, so dass die thermische Ablation wiederholt werden muss.

 

Mögliche, jedoch seltene Komplikationen der Therapie sind Blutungen und Blutergüsse, Infektionen und Abszesse sowie thermische Schäden der Haut und der Nerven. Deshalb finden alle Eingriffe unter sterilen Bedingungen, analog zu einer OP, statt.

 

Wenn Sie weiterführende Informationen zu diesem, in unserer Klinik durchgeführten Therapieverfahren wünschen oder selbst beziehungsweise Ihr Kind in unserer Sprechstunde vorstellen möchten, können Sie sich gerne jederzeit an uns wenden.

 

  • Kontakt:

Minimal-invasive Tumortherapie (MITT)

Charité, Campus Virchow-Klinikum

Klinik für Radiologie

Augustenburger Platz 1

13353 Berlin

Tel.: 030/450-557309

Fax: 030/450-557947

minimal-invasive-ambulanz@charite.de oder mia@charite.de

 

Fallbeispiel

 

Ein 7-jähriger Junge mit stärksten nächtlichen Schmerzen des rechten Schienbeins. Beim zuerst durchgeführten konventionellen Röntgen ist eine deutliche Auftreibung der Tibiakortikalis (äußerste Knochenschicht des Schienbeins) im mittleren Drittel erkennbar, ein typischer strahlentransparenter Nidus (Tumorkern) innerhalb dieser Auftreibung ist angedeutet erkennbar (Abbildung 2). Die anschließend durchgeführte Computertomographie (CT) bestätigte den Verdacht auf ein Osteoidosteom mit typischem Nidus (Abbildung 3A).

 

Uns wurde der Patient zur Thermoablation des symptomatischen, d.h. schmerzhaften Osteoidosteoms vorgestellt. In Vollnarkose wurde der Tumorkern (Nidus) mit einem Knochenbohrer angebohrt. Anschließend wurde eine Thermoablations-Sonde in den Nidus eingebracht (Abbildung 3B und 3C). Diese Thermoablation dauerte ca. zehn Minuten. Das MRT-Bild direkt nach dem Eingriff zeigt das Ablationsareal ohne verbliebenen Resttumor, im Sinne einer erfolgreichen Therapie des Osteoidosteoms (Abbildung 3D).

Im vorgestellten Fall konnte eine erfolgreiche Therapie des Osteoidosteoms durchgeführt und eine vollständige dauerhafte Schmerzfreiheit erreicht werden.

 

Abbildung 2: Röntgenbild eines Osteoidosteoms im rechten Schienbein mit längerstreckiger Verdickung der sog. Corticalis (Pfeile) und nur angedeutetem strahlentransparenten Nidus in Mitten der Corticalisverdickung.

 

Abbildung 3: A Computertomographie (CT) des rechten Unterschenkels im Querschnitt mit Darstellung des Osteoidosteoms, bestehend aus einem Tumorkern (Pfeil) und umgebendem reaktiven Knochenanbau. B, C Anbohren (Pfeil in B, Bohrer; Pfeil in C, Bohrkanal) und Einbringung eines Thermoablations-Katheters. D Das dunkle Areal (Markierung) im MRT-Bild zeigt eine vollständige Tumorablation.